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August 2015 - Thema des Monats: Life in Progress
Jugendliche

August 2015 - Thema des Monats: Life in Progress

Im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums der Aids Hilfe Bern, die auch zwei Projekte in Südafrika unterstützt, wird «Life in Progress» gezeigt. Der Dokumentarfilm von Irene Loebell geht den Fragen nach, wie die erste nach dem Ende der Apartheid geborene Generation in Südafrika lebt und was es bedeutet, als Teenager in einem südafrikanischen Township aufzuwachsen, wo die Jugendlichen auch mit dem Thema Aids konfrontiert sind.

Die Schweizer Filmemacherin Irene Loebell hat zwanzig Jahre nach dem Ende des Apartheidregimes „Life in Progress“, einen Film über die erste Generation in Südafrika, die in Freiheit aufwächst, gedreht. Der Filmtitel ist ein Wortspiel, da Progress (Fortschritt) auch die Übersetzung für den Townshipnamen Katlehong ist. Der Film spielt im Township Katlehong, im Südosten von Johannesburg gelegen und nimmt den Zuschauer mit hinein in das alltägliche Leben mehrerer Jugendlicher, die anfangs alle in derselben Tanzgruppe namens Taxido tanzen. Der Film wurde von Irene Loebell über vier Jahre hinweg gedreht und zeigt die persönliche Entwicklung der drei Hauptprotagonisten. Die Regisseurin und Kamerafrau baut dabei ein sehr intimes Verhältnis zu den Jugendlichen auf, redet immer wieder aus dem Off mit ihnen und gewährt dem Zuschauer so sehr private Einblicke in das Leben der jungen Erwachsenen.

Im März diesen Jahres kommen mit Venter (19) und Tshidiso (20) zwei der Protagonisten in die Schweiz, um den Film vorzustellen und Tanzworkshops in Schulen in Bern, Zürich und Basel zu veranstalten. Anschliessend an die Filmvorführung von „Life in Progress“ nahmen die Protagonisten sowie die Regisseurin am Podiumsgespräch «Umgang und Leben mit HIV in der Schweiz und in Südafrika» teil.

„Wenn du deinen HIV-Status kennst, stirbst du“

In der Podiumsdiskussion erzählen die Beiden sehr detailreich über ihr Leben und ihre Situation in Südafrika. Tshidiso erläutert seine Beweggründe, die ihn von einem HIV-Test abgehalten haben: Seinen Status zu kennen, wird in Südafrika häufig mit einem Todesurteil gleichgesetzt. Ein negatives Testergebnis wird gar nicht in Betracht gezogen. Tshidiso ist kein Einzelfall. Viele Jugendliche scheuen sich davor, einen Test zu machen. Und dies obwohl seinen eigenen Status zu kennen, eines der wichtigsten Mittel in der HIV/Aids-Bekämpfung darstellt. Am Beispiel von Venter ist zu erahnen, wie hoch die Hemmschwellen sind. Erst durch die Nachricht, dass sein eigener  Vater HIV-positiv ist, konnte er die Berührungsängste zu der Krankheit abbauen und begreifen, dass das Virus jeden treffen kann – auch ein enges Familienmitglied. Er erkannte, dass HIV-positiv sein, nicht den sofortigen sicheren Tod bedeuten muss.

„Die Leute in den Townships denken zuerst an die anderen und nicht an sich selbst“

Zwar gibt es in Katlehong kostenlos HIV-Medikamente und der Zugang zu diesen Medikamenten ist leicht, wie die beiden Südafrikaner betonen, doch die Hemmschwelle zur Abgabestelle zu gehen, ist sehr gross, da man sich so indirekt vor den restlichen Township Bewohnern  als HIV-positiv outet. Diskriminierung und Stigmatisierung sind in Südafrika immer noch ein grosses Thema. Diskriminierung wird wesentlich durch die Unwissenheit der Bevölkerung in Bezug auf das Thema HIV/Aids hervorgerufen. Häufig fehlt ein fundiertes Wissen über die Verbreitung und Ansteckung der Krankheit, weshalb der Kontakt zu  HIV-Positiven oft komplett gemieden wird.

Auch können sich die Jugendlichen ein Leben mit HIV kaum vorstellen. Anders als die Schweizer HIV-positive Diskussionsteilnehmerin, die ein relativ normales Leben mit ihren Medikamenten führen kann. Sie erzählt, dass der Gang zum Test einfach war, weil sie nicht mit der Diagnose gerechnet hatte. Der Schock, HIV positiv zu sein, sass tief und ihr Wissen über HIV und Aids war zu dem Zeitpunkt sehr gering. Zum Erstaunen der beiden jungen Männer ist auch für die Schweizerin Diskriminierung und Stigmatisierung ein grosses Thema.

„Wir nehmen das Virus nicht sehr ernst“

Beim Frauenschwarm Tshidiso, der laut eigenen Angaben am Anfang des Films, elf Freundinnen gleichzeitig hatte, steht das Thema HIV/Aids immer wieder im Fokus. Tshidiso ist ein Frauenheld und geht auch schon mal leichtfertig mit dem Thema HIV um. Da er auch ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte, ist die Angst vor einem Test und dem Ergebnis gross. Kondomnutzung scheint in diesem Alter schwierig zu sein, obwohl sie gratis bezogen werden kann. Junge Frauen würden behaupten „Ich hatte nicht Sex mit dir, sondern mit dem Kondom“. Man schätzt jedoch die kostenlosen, von der internationalen Gemeinschaft gesponserten  Kondome nicht besonders, da sie nur in einer  Einheitsgrösse erhältlich sind („wir wollen extra large“) und ihnen oft ein unangenehmer  Duft anhaftet.

Beide Protagonisten betonen aber, dass sich das Verhältnis zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit zunehmendem Alter verändert. Wie man an Venter gut beobachten kann, werden mit wachsendem Verantwortungsbewusstsein Kondome und HIV-Tests zu alltäglichen Praktiken – jedenfalls für Teile der jungen Bevölkerung. Doch für viele kann es bereits zu spät sein...

„Wir haben genügend Informationen“

Die Protagonisten erzählen, wie sie früher kaum über die Krankheit informiert gewesen sind. Nun sei der Informationsfluss gut und man wisse Bescheid. Aber Wissen ist nicht gleich Tun! Verhaltensänderungen gerade unter Jugendlichen sind  besonders schwierig zu erreichen.

„Life in Progress“ zeigt auf eindrückliche Weise, dass HIV/Aids aber auch nur ein Thema von vielen ist, welches das Leben der Jugendlichen in Katlehong beeinflusst.

Autorin: Anika Züchner, Praktikantin Medicus Mundi Schweiz


Referencen

Trailer „Life in progress“: http://www.lifeinprogress.ch/en/trailer/

Podiumsdiskussion: https://www.youtube.com/watch?v=MOIfg8ZRw9s&feature=youtu.be

WOZ: "Life in Progress" Von der Township auf die Bühne getanzt, Stephanie Danner, 12. März 2015: https://www.woz.ch/-5aca

NZZ: Tanzen für den Fortschritt – und gegen die Misere, Brigitte Hürlimann, 4. März 2015: http://www.nzz.ch/zuerich/stadt-zuerich/tanzen-fuer-den-fortschritt-1.18494703

Surprise: Township - Von wegen "Progress", Sara Winter Sayilir, 348/15 http://issuu.com/surprise/docs/surprise_348/19?e=1207166/12809167


Synopsis „Life in Progress“

Vaterlos und unter schwierigen Lebensumständen wachsen Thidiso, Venter und Seipati in einem südafrikanischen Township auf. Mit seiner Tanzgruppe TAXIDO holt Jerry die Jugendlichen von der Strasse. Wo sie auftreten, ernten sie stürmischen Applaus. Und auf einmal ist da die Hoffnung auf eine Tanzkarriere, auf Arbeit, auf eine bessere Zukunft. Doch zurück in ihren Hütten herrscht wieder die tägliche Not. Und Jerry, der strikte Disziplin verlangt, macht den jungen Leuten das Leben auch nicht leicht.

20 Jahre nach dem Ende der Apartheid bietet LIFE IN PROGRESS eine eindrückliche Einsicht in das Leben dreier Jugendlicher im heruntergekommenen Township Katlehong.

Regie: Irene Loebell
2014, 99min

Nächste Vorstellungen:
16.10.2015 um 20:15 Uhr im Kulturraum Thalwil
18.-22.11.2015 während der Oltner Tanztage (in Anwesenheit der Protagonisten)

Der Film kann ausserdem ab Ende November als DVD für 27.- CHF bezogen werden. Vorbestellungen werden bereits jetzt unter info@filmbringer.ch entgegengenommen.